Das synästhetische Ordnungsgewebe der Erscheinungen

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Thorwald Dethlefsen stellt in seinem Buch “Schicksal als Chance” im Kapitel “Astrologie - ein Abbildungssystem der Wirklichkeit” zwei ganz besondere Aufgaben:

“Suchen Sie die jeweilige Gemeinsamkeit (den Oberbegriff) folgender Begriffe: a) Hund, Star, Ameise, Krokodil, Bär, Elefant, Forelle. Lösung:… b) Blei, Steinbock, Zähne, Efeu, Klosterzelle, Schwarz, Bergarbeiter, Rabe, Zinnkraut. Lösung:… Mit Sicherheit bereitet die Lösung der Aufgabe a) keinerlei Schwierigkeiten. Denn der Oberbegriff “Tier” ist auf Anhieb jedem erkennbar. Wesentlich mehr Probleme wird Aufgabe b) bereiten, da die aufgeführten Begriffe unhomogen erscheinen. Sinn und Aufklärung dieser beiden Fragen werden sich nun im Folgenden schrittweise ergeben.”

Mir war der Sinn dieser Sache sofort klar, weil wir in der Schule im Deutschunterricht das so genannte Stimmungsbild durchgenommen hatten. Da sollten wir alle möglichen Objekte, Situationen und Lichtverhältnisse beschreiben. Z.B. eine Herbststimmung oder die Hektik der Stadt. Also beschrieb Aufgabe b) - so dachte ich - ein ganz charakteristisches Stimmungsbild: Ein bisschen traurig - kahl, einsam und nüchtern. So empfand ich das, vielleicht wie eine ‘Nüchtern-steinstimmung’. Dann dachte ich daran, dass ich die großen Tonbänder, die man damals verwendete, auf Cassetten überspielen wollte, aber nicht einfach hintereinander weg, sondern ich wollte die Musikstücke nach Stimmungen und Accordähnlichkeiten ordnen, nicht nach Kategorien, wie: Pop, Rock, Jazz, Variete, Soul, Latino, Klassik, Underground, Beat, Brazil, Orientalisch … Hörte ich dann nur eine Stimmungskategorie, bliebe ich immer in der gleichen Stimmung jeder Musikrichtung. Man könnte sich das auch als ein Musikordnungsgewebe vorstellen.

Als ich den darauf folgenden Text las, war die Lösung b) natürlich nicht ganz genau so, wie ich das gerade beschrieben hatte. Der Deutschlehrer hätte eigentlich darauf hinweisen müssen, dass gewisse Stimmungen auch als Urprinzipien bezeichnet werden könnten, die etwas im Menschen ansprechen. Aber solche Gedanken sind in der Schule nicht angebracht, weil der Oberbegriff etwas typisch Erwachsenes ist. Kinder aber sind noch sehr stimmungsabhängig und spüren die Urprinzipien ziemlich intensiv und der Lehrer sollte mehr auf den Schüler eingehen, aber solche Überlegungen werden natürlich nicht in einem Schulprogramm aufgenommen. Deshalb nennt Dethlefsen dieses vorherrschende Denken in ‘Oberbegriffen’ auch das ‘Schuldenken’. Hier handelt es sich um innovative unkonventionelle Dinge. Aber man kommt an der Ratio nicht vorbei. Mit diesen Urprinzipien -in diesem Falle handelt es sich um das Saturnprinzip b) - erklärt Thorwald Dethlefsen die Astrologie. “Denn was in den Sternen geschieht, passiert auch beim Menschen, so oben wie auch unten”. D.h. die Urprinzipien der Sterne sind die gleichen, wie die des Menschen. Er stellt auch tatsächlich eine Tabelle auf, in der die Oberbegriffe horizontal liegen und die Urprinzipien senkrecht stehen. Ich sehe das wie ein Überlagerungsgewebe, ein ‘Begriffs-Stoff’. In dieser Betrachtung ist für mich Astrologie eher nebensächlich. Ich aber sehe diese Urideen buchstäblich in einem ganz neuen Licht, denn ich bin Synästhetiker.

Im Gehirn eines Synästhetikers sind die Neuronen wahrscheinlich nicht nur oberbegrifflich, sondern auch urprinzip-artig miteinander vernetzt. Ich empfinde Töne als eine Art Helligkeit neben der Seh-Helligkeit und Farben als Musik neben den Akkorden, wobei die Uridee der Abfolge verschiedener Größen sich manifestiert. Ob es Licht ist oder Ton, lange Wellen empfinde ich als Rot, mittlere als Grün und kurze als Blau. Unsichtbar und unhörbar oder gar nichts ist Schwarz und Tageslicht und Rauschen ist Weiß. Ich empfinde das wie zwei Kanäle, die durch Urprinzipien miteinander verbunden sind. Bei dem Stimmungsbild ‘Orangebraun-Erde’ höre ich einen Bass und ein Piano in Moll, in einem holzfarben gehaltenen stickig warmen Raum, einem Hund mit braunem Fell, vormittags im November. Bei dem Stimmungsbild ‘Hellblau-Luft’ empfinde ich ein Triangel und eine Flöte in Dur in einem metallisch blauen, gut durchlüfteten kühlen Raum mit einem Haushaltsroboter in Hellblau abends im Mai.

So habe ich mich entschlossen, meine Musik folgendermaßen zu ordnen: Schlamm, Wasser, Regen, Luft, Föhn, Feuer, Asche, Erde, Staub, Öl und ‘der All’. Entsprechend den Farben: Gelb, Grün, Grüntürkis, Blau, Indigo, Violett, Karminrot, Orange, braunschimmerndes Blaugrau, rosaschimmerndes Grüngrau und Neutralgrau.

Einige Urprinzipien aus meiner Beobachtung und Empfindung: Das Wasserprinzip: Es ist meditativ, in Trance, phlegmatisch, gleichmäßig. Es hat gelbgrüne Algen auf Glas und Metall. In diesem Wasserprinzip befindet sich z.B. ein Schauspieler in seiner Rolle, weil er aus dem ’so genannten’ Alltag sich nun in einem anderen Medium befindet. Auch ein Sänger in einem Musikstück mit überwiegend 7sus-Accorden, wechselt das Medium. Das ist der Grund, weshalb das Publikum sich gerne von diesen Wellen mitreißen lässt und diesen Zustand geradezu sucht. Die Massenträgheit, die Relativitätstheorie und der nicht leere gekrümmte Raum gehören ebenfalls zu diesem Medium.

Das Luftprinzip: Es enthält die Schönheitsstimmung und das Gefühl der fliegenden Freiheit. Sanguinische Wachheit mit Blättern im blauen Himmel. Wenn der Schauspieler wieder er selbst ist, der Sänger wieder im Gespräch und im Hintergrund spielt ein Pianist überwiegend Dur-Akkorde, dann hebt sich das ‘Wasser-Medium’ wieder auf, und das leichtere ‘Luft-Medium’ erscheint. Auch in der Phantasie empfinde ich eine spielerische Freiheit und einen gedachten leeren homogenen linearen (newtonschen) Raum, in dem alles leicht ist und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.

Das Feuerprinzip: Es ist interessant, aber vermittelt das Gefühl der Unsicherheit. Extase und cholerische Aggression. Z.B.: Einerseits Veilchen auf der Hautoberfläche - das ‘Angenehme’, wärmende, andererseits : eine heiße politische Diskussion - vergleichbar mit ‘free-Jazzimprovisationen’ in 7alt-Akkorden - im Fieber der Aktionen. Oder wenn eine neue Sache oder Kunstrichtung nicht einzuordnen ist. Paradoxien, Antinomien und Mehrdeutigkeiten, die Platzmangel im jeweiligen System zur Folge haben. Chaos im Sinne infinitesimaler Ordnung gehört auch dazu. Die Flamme der Deutung alterniert züngelnd in ständiger Unsicherheit zwischen zwei Zuständen.

Das Erdprinzip: Es ist harmonisch, ohne ästhetisch sein zu müssen. Melancholisch, überdeckend, schützend und erneuerndes Recycling. Eine orange Wolldecke, die sowohl warm als auch kühl hält. Ein Musikstück in Moll. Todestrauer - und der Gedanke, dass der ‘Erlebnisfilm’ doch immer wieder irgendwo ankleben könnte. Eingebettet in einer determinierten ‘Schicksals - Welt’ mit der Frage, ob dieses Schicksal unabwendbar ist, hier gebe ich die Meinung der ‘Deterministen’ wieder, dass die Welt und Schicksale auf Naturgesetzen beruhen - oder kann der Mensch im Dialog mit den Schöpferkräften sein Schicksal beeinflussen? Das Gliedmaßen-Stoffwechselprinzip: Es ist auch die Koordination im Raum und der Raum selbst. Ich empfinde es in den Farben Rot und Türkis.

Das rhythmische Prinzip: Es ist auch der Fluss der Zeit mit allen Arten von Schwingungen. Ich empfinde es in den Farben Indigo und Gelb, weil Indigo die Nacht symbolisiert und Gelb die Sonne. Das geistige Prinzip: Es wird von Rationalisten, Psychologen und Physikern immer wie ein hässliches Entlein behandelt. Es nimmt eben eine Sonderstellung ein. Aber angesichts der Quantenmechanik wird es ein schöner Schwan. Also meine ich, dass sowohl die Quantenphysik, als auch die Parapsychologie zu diesem Urprinzip gehört. Ich empfinde es in den Farben Grün und Magenta. Das All-Prinzip: Es ist die Summe aller dieser sieben Urprinzipien. Wenn man sich an etwas nicht mehr erinnert, dann spürt man es im Unterbewusstsein oder im Tiefschlaf. Das ‘Umgreifende’ von Jaspers gehört dazu. Wenn ich alle Lebewesen der Natur „zusammendenken“ könnte, hätte ich dieses Prinzip noch lange nicht erreicht. Ich muss auch alle Gegengedanken dieser Wesen „dazudenken“, damit die Stimmung “Tier-Pflanze-Pilz-Alge-Bakterie-Virus -…..” nicht entsteht, denn ich will ja das ‘Allprinzip’ gedanklich darstellen.

Ich habe durch innere Konzentration festgestellt, dass ich so etwas wie Maschinenwesen, die künstliche Intelligenz besitzen könnten, mit „dazudenken“ muss und plötzlich entsteht ein Augenblick, der sich schwer halten lässt, und es gibt eine Zone des Schweigens. Denn das Gleichgewicht dieser beiden einander gegensätzlichen Gedanken manifestiert sich nur in Bruchteilen von Sekunden. So stelle ich mir das Moment des Nicht-Denkens vor (aber gleichzeitig tritt es in den gedanklichen Hintergrund) - es steht vor und zugleich hinter mir und somit ‘umgreift’ es mich.

Markus Anatol Weisse